La Storia di Urzulei. Meine Entdeckungsreise für das ursprüngliche sardische Leben bringt mich diesmal ins Bergdorf Urzulei und zu seinen Murales. Anders als das unfassbar touristische Orgosolo ist Urzulei mit seinen Wandgemälden ein echter Geheimtipp. Während auf der Landstraße noch Kolonnen Deutscher unterwegs sind, war ich im Dorf plötzlich allein unter Sarden. Mein Besuch ist ein Eintauchen in ein Stück echtes sardisches Leben mit Gänsehautmoment.

Meine Spurensuche für die Ursprünge und Geschichte der sardischen Küche führt mich an diesem Frühsommertag auf die spektakuläre Landstraße SS 125, die von Dorgali bis nach Baunei/ Arbatax führt. Die Strecke windet sich als schmale Straße durch das Gebirge.

Steile Hänge, endloses Panorama und atemberaubende Natur zeichnet diese beeindruckende Straße aus. Gerade für Motoradreisende ist dieser Abschnitt legendär. Aber auch viele Wohnmobile fräsen sich ihren Weg auf dieser Küstenstraße gepaart mit vielen Wanderlustigen, denn wir sind hier im Herzen des Gennargentu. Die Straße führt beispielsweise an der Su Gorropu vorbei – eine der engsten und steilsten Schluchten.

Dieser Naturpark ist eine der schönsten Regionen

Dieser riesige Naturpark ist einer der schönsten Landschaftsregionen auf Sardinien. Hier heißt es der Weg ist das Ziel und so genieße ich jeden Meter meiner Fahrt. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus, schlängle mich im gemäßigten Tempo mit all den anderen Begeisterten durch das Gebirge, sauge das Panorama in mir auf und halte gefühlt alle 10 Meter an, um dieses Spektakel zu genießen.

Manchmal geht es neben der Straße sehr steil bergab, auf den Hochplateaus stehen dagegen dann durchaus auch mal Ziegen am Straßenrand oder queren den Weg. Es ist phantastisch und ich bin richtig glücklich über die Tour.

Aber es geht ja nicht um das Gebirge oder Wandertipps, sondern um ein uriges Bergdorf. Es geht tatsächlich bereits auf Mittag zu, als ich in den Ort Urzulei einfahre. Obwohl es nur rund 35 Kilometer Strecke sind, habe ich sie doch auf mehrere Stunden verteilt. Die Straße hat schon bessere Zeiten gehabt und bei der Anfahrt in den Ort sind links und rechts Reste von Steinschlägen zu sehen.

Während mich die letzten Stunden Massen an – vor allem deutschen – Fahrzeugen aller Art nebst Fahrzeugführer– begleitet haben, befinde ich mich bei der Einfahrt in das Dorf allein.

Ich folge den Spuren des sardischen Berglebens

Urzulei
Überall an den Hauswänden kann man die Bilder entdecken.
Urzulei
Piazza Fontana

Schon bei der Anfahrt spüre ich, ich bin in einem alten Bergdorf im Supramonte am Rande der Barbagia. Es ist plötzlich ganz still. Die Gassen wirken ausgestorben. Die Häuser sind alt und irgendwie fühlt sich das Ganze hier an, als sei die Zeit stehen geblieben. Die ganze Atmosphäre ist plötzlich eine andere. Und da entdecke ich auch schon das erste Murales. Weitere Wandbilder an den Häusern folgen.

Während ich noch nach Orientierung suche, befinde ich mich auch schon in der Ortsmitte, direkt auf der Piazza Fontana, hinter dem das historische Amphitheater zu sehen ist. Auf dem Platz ist gerade Markt. Na, da bin ich doch genau richtig. Ich parke mein Auto und sehe ich mich erstmal um.

Was mich beeindruckt ist das ganze Panorama. Vor mir reihen sich Häuser in Serpentinen stehend die Hänge hinauf. Dahinter erhebt sich majestätisch das Supramonte-Gebirge

Urzulei
Für mich ist dies eines der schönsten Murales in Urzulei

Mein Blick fällt auf ein wirklich bezauberndes Murales. Es ist für mich eines der schönsten und berührendsten Bilder in Urzulei.

Zwei alte Männer sitzen nebeneinander, sich zugewandt. Der eine streckt die Hand Richtung Wange des anderen. Aus der Hand heraus entspringt ein gedrechselter Stock.

Ein Gänsehautmoment

Während ich fasziniert das Bild betrachte und auch fotografiere, spüre ich Blicke in meinen Rücken. Ich drehe mich um und erlebe einen Kinomoment. Ich stehe direkt gegenüber der kleinen, zentralen Pizzeria. Auf der überdachten Terrasse stehen sechs Tische. Alle sind besetzt. Es sitzen Männer aller Altersklassen, vor allem aber ältere Männer mit ihrem Bier oder einem Glas Wein hier. Die Gespräche sind verstummt. Stattdessen gucken mich alle an. Wirklich alle.

Ich bin einen Moment perplex, sammle mich dann aber und rufe ein fröhliches „Buongiorno“. Darauf schallt mir ein ebenso fröhliches „Buongiorno“ dieses einzigartigen sardischen Männerchors entgegen. Was sich nach einer Szene im Roman anhört habe ich tatsächlich erlebt. Das war also die erste Begegnunen mit einem Teil der rund 1.000 Einwohner Urzuleis.

Meine Zeitreise in die Vergangenheit

Nach dieser Begegnung wird es Zeit für meinem Rundgang. Von der Piazza Fontana starte ich meine Zeitreise in die Vergangenenheit dieses Bergdorfes. Es geht vorbei an einem verlassenen Postamt und weg von der Straße. Ich biege in den Fußweg direkt am ethnografischen Museum „Andalas de Memoria“ ein.

Mehr als zehn Häuser gehören zu dem Museum, die das frühere Leben in Urzulei zeigen. In der Mittagszeit ist es natürlich geschlossen. Die Atmosphäre ist einzigartig. Vielleicht gerade, weil ich hier völlig allein in den historischen Gassen schlendere, ist meine Reise besonders faszinierend.

Zwischen den restaurierten Häusern, bezaubernden Wandgemälden, liebevoll geschmückten Häusern und Gärten herrscht auch viel Verfall. Die Glocken läuten inzwischen 12 Uhr. Mitten am Tag ist es für mich wie eine Geisterstadt. Die Gassen sind ausgestorben. Einzig auf Höhe des Alimentari, der aus einem Garagentor besteht und nur wenig vom Innenraum preisgibt, begegnen mir ein paar Frauen und zwei Kinder mit ihren Einkäufen. Sie grüßen mich sehr freundlich, aber beäugen mich auch.

Urzulei ist ein großes Freichlichtmuseum

Urzulei ist ähnlich wie Orgosolo ein großes Freilichtmuseum. Die Murales sind eindrucksvoll, schwarz-weiß und wunderschön. Sie wurden von sardischen Künstlern gestaltet, die meisten Bilder von einem Künstler aus Urzulei.

Die ca. 15 Malereien haben verschiedene Lebensmomente eingefangen. Sie zeigen überwiegend Männern, wenige Frauen, meist in Trachten, in Gemeinschaften, bei der Arbeit, auf dem Feld, mit Vieh und mit Handwerk. Aber auch das Banditenleben wird hier aufgegriffen. In Orten wie diesen liegt also der Ursprung der sardischen, bürgerlichen Küche. Gerichte wie Malloreddus mit einer herzhaften Salsiccia kommen in den Küchen und Wohnzimmern auf den Tisch.

Dazu gibt es ein Glas des tiefroten Cannonau. Anders als beispielsweise in Orosei oder Orgosolo spiel bei den Bildern die Küche oder Handwerk wie Korbflechten keine Rolle. Zu sehen sind Menschen in der Landwirktschaft oder vor ihren Häusern und auf in den Gassen des Ortes. Sie verdeutlichen dabei durch ihre Äußeres und die Kleidung die Wichtigkeit von Tradition und Kultur. Bilder, wie etwa Frauen, die Brot herstellen, das berühmte Pane Carasau oder ähnliches finde ich hier nicht. Und doch spielen sicherlich auch diese Produkte eine Rolle.

Urzulei ist Teil der Freiluftausstellung zur Kultur und Geschichte

Urzulei ist ein Baustein in der Freilichtausstellung. Für mich ergibt sich mit Urzulei, Orgosolo, Oliena und vielen weiteren Orten ein Gesamtbild der Geschichte und Kultur Sardiniens. Jeder Ort beleuchtet dabei einen andere Lebensbereich und ergibt zusammen ein Ganzes.

Bei den Bildern in Urzulei stehen – wie in einem regulären Museum auch – Titel und das Jahr der Entstehung, teilweise gibt es auch Erklärtexte, sogar vereinzelt in Englisch. Ich sehe einige Markierungen von 2002, aber auch 2014 ist dabei; etwa Sa Murra. Dies ist ein sardisches Gesellschaftsspiel, welches mit den Händen gespielt wird.

Damit geht das Eintauchen in die sardische Geschichte bis in die Gegenwart. Alles das und die Stille im Ort lassen mich wirklich an ein Museum erinnern. Ich habe jedoch noch nie das in einem Museum gefühlt, was ich hier fühle. Diese Bilder auf den Häusern in dieser Kulisse berühren mich.

Sardische Handwerkskunst

Auf dem Weg zurück zum Parkplatz komme ich an verschiedenen kleinen Läden vorbei, die jetzt in der Mittagszeit naturgemäß geschlossen sind. Die Artessile beispielsweise sieht mit dem Rolltor unspektakulär aus, aber dahinter verbirgt sich ein Laden voll mit wunderschöner Handwerkkunst. Wer früh am Vormittag oder am späten Nachmittag Urzulei besucht, kann sich mit sardischen Stoffen, Körben, Messern und anderen Produkten eindecken. Und dann entdecke ich ein Stück Deutschland mitten in den Bergen Sardiniens:  Eine Straßenkarte auf Deutsch – und auf Papier.

Mein Weg führt mich weiter Richtung Baunei und Santa Maria Navarrese

Auf der Piazza Fontana packen die Betreiber der Marktstände inzwischen zusammen. Meine Weiterfahrt geht nicht zurück auf die SS125 sondern auf einer kleineren Nebenstrecke durch die wilde und pure Schönheit dieses Nationalparkes. Ich fahre auf der SS 56 durch eine traumhafte Landschaft. An der Seite schlängelt sich ein romantischer Fluss, dahinter fällt mein Blick auf die massive Bergkette.

Es geht für mich Richtung Baunei. Die bunten Häuser sehe ich aus der Entfernung in diesen Gebirgszügen. Auch wenn die Landschaft ein einziger Traum ist, halte ich diesmal nicht an und mache kein einziges Foto. Mein persönlicher Speicher ist einfach voll. Nach dem reichhaltigen Vormittag auf der SS 125 und meinem intensiven Besuch in Urzulei brauche ich eine Foto-Pause. Ich fahre langsam und gemütlich, lasse den Blick schweifen, nur selten ist ein anderes Auto auf der Straße.

Für mich geht es weiter nach Santa Maria Navarrese – ein absolutes Urlaubsparadies zum Baden, erholen, genießen. Hier lasse ich die Seele baumeln, gönne mir einen großen Eisbecher und etwas Zeit am Strand mit Blick auf ein farbenreiches Meer. Es ist ein ganz toller, gemütlicher Urlaubsort und so ganz anders als die Welt, aus der ich gerade in Urzulei komme. Es fällt mir tatsächlich schwer mich von diesem Tag zu lösen, doch am späten Nachmittag fahre ich voll mit Eindrücken und Glücksgefühlen über die SS125 zurück nach Dorgali und in meine Ferienwohnung nach Cala Gonone.

Für wen Urzulei etwas ist:

Wenn Du gern ins sardische kulturelle Leben eintauchen möchtest, Natur und Berge liebst und etwas Geschichte tanken magst, ist Urzulei ein Geheimtipp. Urzulei ist allerdings nur für Menschen etwas, die sich nicht daran stören, angestarrt zu werden. Tatsächlich ist es ein eigenartiges Gefühl. Die Einwohner sind wirklich super freundlich, aber ich wurde gleichzeitig beobachtet und spürte deutlich, dass ich fremd bin.

Wenn Du hier essen möchtest, wirst du ebenfalls damit rechnen müssen, dass die Gespräche verstummen und dich alle beobachten. Wenn dir das nichts ausmacht und Du gern für Dich und ohne Touristen ein wirklich bezauberndes sardisches Freilichtmuseum besuchen möchtest, dann ist Urzulei der Place to be für Dich.

Wenn Du Dich jedoch eher unwohl fühlen wirst, ist das berühmte Orgosolo eher Dein Ausflugsziel. Es hat mehr Murales, ist jedoch völlig touristisch, mit Guide und Führungen, Besucherparkplatz, unzähligen Souvenirshops, vielen Deutschen und insgesamt Menschenmassen.

Ähnlich schön ist auch Oliena. Wenn Dir der Ausflug nach Urzulei gefallen hat, ist mein Lesetipp mein Besuch in Dorgali für das Pane Carasau und mein Erlebnis in den Bergen auf den Spuren des sardischen Ziegen-Ricottas.

Baunei
Der Blick von Baunei über den Naturpark.