Es gibt Erlebnisse auf Reisen, die kannst du dir nicht ausdenken. Erlebnisse, die dich zu tiefst im Herzen berühren und plötzlich einen Traum wahr werden lassen. Erlebnisse, die so viel schöner werden, als man sich jemals ausgemalt hat. Ich hatte keine Ahnung was mich an einem heißen Junitag in Lerici an der ligurischen Küste erwartet, nur wann ich an welcher Bushaltestelle stehen musste. Und am Ende stand ich in Wanderschuhen, verschwitzt und mit Plastikkochschürze in einer traditionellen, hemdsärmeligen Osteria am Herd und war der glücklichste Mensch auf der Welt. Am liebsten würde ich mich sofort wieder dort in die Küche stellen. Wenn ihr allein oder zu zweit unterwegs seid und ein echtes Stück der Landeskultur kennenlernen möchtet, sucht euch ein ganz privates Erlebnis mit einen Einheimischen. Es gibt keinen besseren Weg.

Aber der Reihe nach. Ich sitze gerade auf einer Bank am Hafen von La Spezia, es ist Mittwoch Mittag, 17. Juni. Seit drei Tagen dürfen wir Deutschen nach dem Corona-Reisestopp wieder nach Italien. Mein Handy klingelt mit einer italienischen Telefonnummer. „Hi, hier ist Matthi, ich habe deine Nummer von Deborah. Sie sagte, du möchtest gern mit einem Local wandern und auch gern einen traditionellen Kochkurs mit Pasta und Fisch machen. Wenn du morgen Zeit hast, treffen wir uns um 13 Uhr an der Bushaltestelle auf dem großen Platz in Lerici. Ich warte dort auf einer Bank und dann gehen wir wandern und ich bringe dich später zu deinem Kochkurs,“ erklärt mir eine Stimme auf englisch. Bedingt durch die Geräuschkulisse verstehe ich nicht jedes Wort exakt. Ich versuche etwas mehr Details herauszufinden, weiß aber nach dem Telefonat nur, dass ich Wanderschuhe anziehen und genügend Wasser mitbringen soll. Ich verabschiede mich mit der Vereinbarung gleich alle Infos noch mal aufs Handy geschickt zu bekommen. Tatsächlich kommt auch eine Minute später eine Whatsapp. Allerdings steht hier auch nur die Uhrzeit und die Bushaltestelle gefolgt von einem Bild des Busfahrplans, wobei unklar ist, welcher Bus das ist und wie die Bushaltestelle heißt. Oooookay. Eigentlich gehöre ich zu den Menschen, die gern genau wissen möchten, was auf sie zukommt und das dann planen. Dennoch entspanne ich mich erstmal. Ich habe ja noch ein paar Stunden Zeit um das mit dem Bus zu klären und überhaupt den morgigen Tag zu planen. Später bei einem Aperol Spritz starte ich meine Handyrecherche, habe einen ungefähren Plan des Busses und der Haltestelle, habe verstanden, dass man die Busfahrkarte vorher in einem Tabacchi (Tabakkiosk) kaufen muss. Mit meinen sehr spärlichen Infos entscheide ich mich dazu, meine Laufhose nebst Sportoberteil und Wanderschuhe anzuziehen und einen großen Rucksack mitzunehmen um dort Wechselschuhe, Kleidung und etwas zum frisch machen einzupacken. Egal wie lange wir also am Ende wandern oder wo genau, bei diesen Temperaturen werde ich ins schwitzen kommen und so kann ich nicht in eine Kochschule gehen. Mich kurz vor dem Start auf einer Toilette frisch machen und umziehen ist mein Plan. Was werde ich 24 Stunden später über diese Gedanken lachen.

Lerici
Lerici: Ein wunderschöner Ort am Golf der Poeten – eine Traumkulisse

Manchmal muss man Ruhe bewahren, am Ende wird alles viel besser als man sich erträumt

Ich ziehe am nächsten Morgen mit genügend Zeit los um die Buskarte zu kaufen, den Bus zu finden und vor allem auch viel früher in Lerici zu sein. Lerici ist ein sehr schönes, kleines Fischerdorf einige Kilometer südlich von La Spezia. Zum einen ist ein Zeitpuffer immer gut, zum anderen möchte ich aber auch zumindest kurz Lerici anschauen. Das Ticket zu kaufen und den Bus zu finden ist überhaupt kein Problem, coronoabedingt fährt dieser jedoch nicht nach regulären Plan. Eine andere Passantin erklärt mir, dass der nächste Bus in 45 Minuten fährt und nicht wie von mir gedacht in 5 Minuten, nach rund 25 Minuten kommt dann aber doch schon ein Bus. Meine ersten Zweifel und erste Anzeichen von Genervtheit machen sich bereits beim Warten bemerkbar, weil die Gegend jetzt nicht sooo schön ist und ich die Zeit dann sinnvoller hätte verbringen können. Richtig genervt werde ich dann im Bus, denn der ist voll. Da ich relativ am Anfang der Strecke einsteige bekomme ich zwar noch einen Sitzplatz, aber Abstand zum Vordermann oder den Stehenden ist in diesem vollem Bus nicht möglich, mit Maske und bei der Hitze ist das Atmen auch erschwert und so zuckeln wir Ewigkeiten durch die nicht geraden schönen Ausläufer von La Spezia. Habe ich schon erwähnt, dass ich gern weiß, worauf ich mich einlasse und solche unbekannten Trips hasse. Ich rede mir selbst ein, dass der Tag bestimmt toll wird. Als ich zirka 40 Minuten später aus dem Bus steige und auf die zahlreichen kleinen Boote auf dem Meer und die bunten, kleinen Häuser an Land blicke ist meine gute Laune sofort wieder da. Zeit habe ich zwar nicht mehr viel, aber es reicht noch ein Stück am Hafen entlang zu gehen, einen kleinen Schlenker durch die erste, sichtbare Altstadtgasse zu machen und einen schnellen Espresso mit Toilettengang zu absolvieren. Die Bank mit Matthi ist auch gleich gefunden und von der ersten Sekunde an, habe ich ein gutes Gefühl. Matthi und sein Hund sind mir sofort sympathisch und wir ziehen gemeinsam zur Wanderung los. Zum Kochkurs erfahre ich während der Wanderung nur, dass das bei einer Freundin von ihm um 16 Uhr stattfindet.

Die Osteria
Der Eingang der Osteria
Die Seitengasse der Osteria
Die kleine Seitengasse
Die Eingangstür der Osteria
Blick aus dem Bullauge der Tür

Gemütlich, einfach und wirklich authentisch

Verschwitzt nach drei Stunden Wanderung kommt mir am Hafen zwischen den verschiedensten Bereichen der Außengastronomie eine kleinere, etwas korpulente Frau im ausgeleiherten, löchrigen und verwaschenen lilafarbenen Shirt, einer ähnlichen Hose und ein paar richtig alten Crogs entgegen. Lucia begrüßt mich absolut herzlich und sie ist mir auf Anhieb sympathisch. Sie geht mit uns in eine kleine Seitengasse durch eine Tür mit einem Bullauge. Das Bullauge ist auch gleichzeitig das einzige Fenster in der ganzen Osteria. Ich erhasche einen Blick in einem dunkeln, kleinen Gastraum, der aber – soweit ich das in der Dunkelheit erkennen kann – gemütlich mit vier, fünf Tischen und unterschiedlichen Tischdecken und Tonvasen eingerichtet ist. Hier stelle ich meinen Rucksack ab und dann geht’s irgendwie erstmal wieder raus über den Platz und an die Bushaltestelle um dort irgendwelche Polster für die Außenbänke abzuholen. So ganz verstehe ich das nicht alles, weil alles auf italienisch und im Laufen passiert, aber ich laufe einfach mal hinterher und finde mich plötzlich dabei wieder, wie ich Polster auspacke und mit aufbaue. Dann geht’s aber los mit dem Kochen.

Mit Wanderschuhen hinter dem Herd
Und da stehe ich mit Wanderschuhen, Plastikschürze auf dem alten Fließenboden in einer Osteria in Italien hinter dem Herd
Pfannen
Pfannen, Töpfe, Schüsseln – alles auf kleinestem Raum
Der Herd
Der Herd mit einer kleinen Arbeitsplatte ist die linke Längsseite der Küche.

Die Wechselkleidung bleibt im Rucksack

Ich stehe in einer winzig kleinen, quadratischen, fensterlosen Küche der Osteria, ein alter Gastherd auf der einen Seite eingerahmt von alten schmalen Regalen, auf der anderen Seite eine ebenso alte Spüle mit zwei großen Becken, an der Wand direkt neben der Tür ein großer Standkühlschrank. An den Wänden hängen Töpfe, Pfanne und weitere Kochutensilien. Über der Spüle einige Teller, insgesamt aber nicht allzu viel Geschirr, alles älter und rustikal, keine Spülmaschine oder weitere Geräte. An den Wänden und dem Boden alte Fließen. Aber ganz wichtig: Alles ist sauber. Wie ich herausfinde schmeißt Lucia die Osteria allein. Sie kauft ein, sie putzt, sie bedient, sie kocht, sie spült. Ich bin überrascht, aber auch wirklich sehr beeindruckt. Es sind drinnen wie draußen sieben Tische und sie hat entweder draußen oder drinnen auf, je nach Wetter. Sie reicht mir eine Plastikschürze und wir starten. Auf umziehen, Schuhe wechseln, frisch machen verzichte ich hier wohl. Egal. Ich wasche mir die Hände und dann geht es an den Pastateig.

Der Pastateig
Das ist die ganze Arbeitsfläche in der Küche, klein aber fein.

Abwiegen? Wer macht denn sowas?

Lucia nimmt eine Packung Mehl und schüttet daraus einen Haufen auf die Arbeitsfläche neben den Herd. Dazu vier Eier, etwas Öl und Salz und dann beginnt sie schon mit der Gabel zu vermengen und mit den Händen zu kneten. Sie fragt, ob ich lieber kneten möchte, da in meinem Kopf aber immer noch etwas durcheinander herrscht, lasse ich ihr den Vortritt und komme erst mal in dieser neuen Situation an. Auf die Frage, ob sie die Mengen nicht abwiegt, hält sie kurz inne, schaut mich ernst an und lacht dann. Sie zeigt auf das Mehl und sagt „400 Gramm, also vier Portionen.“ Abwiegen? Wer macht denn so was? Tatsächlich wird es ein guter Teig, wenn er mir auch wesentlich feuchter vor kommt, als die Pastateige, die ich bisher hergestellt habe oder bei anderen Italienerinnen gesehen oder gelernt habe. Auch hier bestätigt sie mich, dass der Teig so gut ist, deckt ihn ab und stellt ihn zum Ruhen an die Seite. Den Arbeitsplatz macht Lucia sofort sauber und spült auch das benutzte Geschirr sofort ab. Dies werde ich nach jedem Schritt an diesem Tag sehen. Top organisiert in dieser kleinen Küche um mit wenig Platz und dadurch auch wenig Geschirr gut auszukommen. Lucia signalisiert mir, ich solle folgen. Wir gehen jetzt den Fisch auf dem Fischmarkt kaufen und stürmt so wie sie ist aus der Küche. Mit dem Blick auf meine Plastikschürze und leicht irritiert, dass Lucia keine Tasche, keinen Schlüssel oder gar einen Geldbeutel in die Hand nimmt, frage ich nach, ob wir wirklich so gehen, aber sie lacht wieder und mit einem „certo“ („sicher“) geht sie los. Es sind nur ein paar Meter am Hafen entlang, ein kleiner Fischladen direkt gegenüber den Fischkuttern. Dennoch schauen ein paar Leute, vermutlich italienische Touristen, an mir skeptisch runter. Der Fischverkäufer dagegen gar nicht. Er putzt gerade einige Fische und singt. Lucia und er unterhalten sich auf italienisch, stellt mich vor und schwupp stehe ich im Zentrum der Unterhaltung, während er uns den Fisch einpackt. Denn wie es mir an diesem Tag noch häufiger geht und auch die vergangenen Tage schon ein paar Mal gegangen ist sind die Menschen erfreut mich zu sehen, aber auch sehr überrascht in dieser Coronozeit. Ich bin mutmaßlich die erste deutsche Touristin, die es an die ligurische Küste geschafft hat. Dann singt er mir inbrüstig mit tiefer Stimme ein O Sole Mio. Er reicht uns den Fisch in einer Plastiktüte, Lucia greif unter ihr T-Shirt und reicht einen Schein über die Theke. Der Fisch ist erst vor kurzen direkt vom gegenüberliegenden Kutter auf das Eis gewandert. Wirklich frischer geht’s kaum. Nur die Muscheln werden das noch übertreffen. Der Kutter, der die Muscheln fischt, ist noch nicht da. Also zurück in die Küche, den Fisch in eine Schüssel kippen und waschen. Dabei bekomme ich erklärt, was das für ein Fisch ist. Für mich sieht er aus wie eine große Garnelenart. Bewusst habe ich diesen in Deutschland noch nicht gesehen. Es ist Cannocchia., in Heuschreckenkrebs. Diese Krebsart ist Italien pur. Sie lebt im Mittelmeer und wird zu über 80 Prozent in Italien gefischt und serviert.

Canoccia
Fertig geputzt und Knoblauch darf der Cannocchia in die Pfanne.
Knoblauch
Mit einem Holzhobel darf ich den Knoblauch zerkleinern
Cannocchia in der Pfanne
Sodarf der Cannocchia jetzt rund eie Stunde köcheln

Cannocchia zubereiten

Lucia drückt mir eine Schere in die Hand, zeigt mir, wie es geht und worauf ich achten muss und ich lege los. Anfangs noch etwas unsicher, ich möchte weder zu viel noch zu wenig wegschneiden. Lucia lässt mich machen und kümmert sich um irgendwelche anderen Sachen außerhalb der Küche. Ich frage zwischen drin, ob ich das wirklich alles richtig mache, schließlich möchte ich nicht, dass ich oder einer der anderen auf ein scharfes Panzerteil beiße und sich dabei verletzt oder gar etwas verschluckt, aber mit einem kurzen Blick in meine Schüssel nickt sie mir ermutigend zu. Also arbeite ich einfach mal weiter. Als Nächstes bekomme ich Knoblauch auf mein Brett und ein schiefes Messer und ohne Worte verstehe ich, ich soll das Zeug zerkleinern. Lucia schaut mir über die Schulter und nickt bestätigend, dass ich das wohl so richtig mache. Mit einem alten Feuerzeug zündet Lucia den Gastherd an, stellt die große alte Pfanne mit den kleinen Dellen auf, erhitzt Öl, röstet erst den Knoblauch und dann folgt der Fisch. Jetzt erst nehme ich die verschiedenen Töpfchen auf der Arbeitsplatte richtig wahr. Hierin finde ich verschiedenes Salz, Kräuter, Pfeffer und andere Gewürze. Ich gebe also Zitronensalz zum Fisch, etwas Pfeffer und Lucia bedeutet mir, nach Geschmack die weiteren Gewürze zu nutzen. Wir fügen etwas Tomatensugo aus einer Flasche hinzu und löschen mit Weißwein ab. So halte ich es auch bisher zu Hause mit meinem Fisch. Ich bin begeistert. Der Fisch darf jetzt rund eine Stunde köcheln. Zeit für die Pasta.

Pastateig portioniert
Und los geht es: Die Pasta ist mein Job.
Die Autorin an der Pastamaschine
Ich bin glücklich und in meinem Element: Ich mache in Italien Pasta
Pastateigplatten
Der Teig ist echt richtig gut geworden.
Die Autorin an der Pastamaschine
Ich darf Tagliatelle machen

Gemeinsam kochen und singen

Der recht feuchte Teig hat sich inzwischen zu einem sehr geschmeidigen Teig verwandelt. Die Pasta ist auch mein Job. Ich schnappe mir den Teig, walze ihn in der Maschine und schneide mit dem Aufsatz die Tagliatelle. Lucia gibt mir hier und da noch einen Tipp, kommentiert aber auch, dass ich das eigentlich schon alles allein kann und nimmt die fertigen Tagliatelle entgegen um sie in eine Wanne mit Mehl zu legen. Matthi kommt hinzu und es wird gesungen, gelacht und gequatscht in der Küche während ich mit den Händen am geliebten Pastateig bin. Ich bin im siebten Himmel. Die Konsistenz der Pasta unterscheidet sich tatsächlich von meinen bisherigen Erfahrungen, finde die Tagliatelle so aber richtig gut. Wieder neue Kniffe hinzugelernt. Während ich anfangs heimlich noch etwas enttäuscht war, dass es nicht die für Ligurien typischen Trofie sondern einfache Tagliatelle werden, bin ich inzwischen sehr zufrieden mit meinen neu errungenen Kochweisheiten.

Die Tagliatelle vor dem Kochen
Und so sehen meine frischen Tagliatelle vor dem Kochen aus.

Angekommen im Paradies: Ich stehe allein hinterm Herd

Wir flitzen noch einmal los wegen der Muscheln. Inzwischen sitzt der Fischer bei einen Weißwein und einer Zigarette auf einem Barhocker vor dem Fischgeschäft. Auch die Muscheln wandern in eine Plastiktüte und das Geld aus dem T-Shirt wechselt den Besitzer. Bevor wir zurück in die Küche gehen raucht Lucia aber erst mal mit dem Fischer eine gedrehte Zigarette, während ich dem Fischer meine Geschichte erzähle. Die Deutsche, die in Wanderklamotten und mit Plastikschürze direkt am Hafen von Lerici auftaucht und kochen will, ist auf jeden Fall eine Attraktion. Zurück in der Küche zeigt mir Lucia wie man die Muscheln putzt, auf was ich achten muss und welche auszusortieren sind. Jetzt bin ich wieder an der Reihe, während Lucia draußen den Außenbereich fegt. Ich stehe also allein in der Küche der Osteria, hantiere immer mal mit der köchelnden Pfanne auf dem Herd und mache die Muscheln parallel fertig. Als Lucia zwischen drin in der Küche reinschaut mit dem Hinweis, sie müsse jetzt noch die Tische eindecken, frage ich erneut ob ich hier eigentlich alles richtig mache und sie mich doch nicht alleine lassen kann. Lucia, so ruhig und routiniert wie sie den ganzen Nachmittag bereits ist, antwortet mir auch jetzt wieder, ich mache das schon alles und weg ist sie. Und so stehe ich wieder allein mitten in Italien in einer ligurischen Hafen-Osteria am Herd und koche. Ein Herd, der etwas größer ist als zu Hause, links und rechts schwenke ich also die Pfannen, die ebenfalls etwas größer sind, als zu Hause. Schmecke immer mal ab, ergänze etwas , ein kurzer Kontrollblick auf meine Tagliatelle an der Seite und wieder schwenken und schwitzen. Ich bin völlig in meinem Element, grinse dämlich wie ein Honigkuchenpferd und bin vermutlich in diesen Minuten der glücklichste Mensch auf der Welt. Völlig abgefahren ist die Situation. Ich befinde mich in einem Traum und ich möchte niemals aufwachen. Mir kommen die vielen Folgen von Kitchen Impossible in den Sinn oder Jamie Oliver, wie er in seiner Fernsehshow durch Italien reist und sich von Nonnas ihre Tricks und Kniffe erklären lässt. Diesen Moment wird mir niemand mehr nehmen. Ich habe das Privileg ein Stück echtes Italien zu erleben. Diesen Tag werde ich nie vergessen, anders als eine Besichtigung einer Kirche, eines Platzes oder eines Museum, an die ich mich kurze Zeit später schon nicht mehr erinnern kann und die mich niemals so glücklich machen.

Frische Muscheln
Heute gibt es die frischesten Muscheln meines Lebens
Mit Zitrone dürfen sie in die Pfanne
Kurz vor dem Servieren kommt meine Portion in die Pfanne

et voilà: Ich habe gekocht

Matthi kommt in die Küche, füllt eine Karaffe mit Wasser und Weißwein, schneidet Brot auf und deckt unseren Tisch draußen, auch Lucia kommt wieder zurück in die Küche. Zu den Muscheln haben wir zwischenzeitlich auch Zitronen und Gewürze getan, die fertige Schüssel bekomme ich in die Hand gedrückt. Stolz präsentiere ich meine ersten Muscheln Matthi und wir lassen sie uns schmecken. Zwei Bekannte kommen vorbei und plötzlich bin ich mittendrin. Es wird italienisch und englisch gequatscht und selbst wenn ich mal nicht verstehe worum es gerade geht, genieße ich den Moment und lasse mir meinen Vino schmecken. Zurück in der Küche, kochen wir die Tagliatelle und richten diese mit dem Fisch an. Lucia bleibt in der Küche um das Abendgeschäft weiter vorzubereiten während ich mit der Schüssel zu Matthi gehe. Auch diesen Gang lassen wir uns schmecken, während immer mal wieder Bekannte vorbei kommen. Zum Ende kommt auch Lucia wieder dazu. Ab jetzt bin ich nur noch Gast und bekomme noch ihr hausgemachtes Tiramisu als Nachtisch. Zum niederknien. Leider geht auch dieser Abend irgendwann zu Ende und ich muss mich zur Bushaltestelle aufmachen. Die Verabschiedung ist genauso herzlich wie der ganze Tag, zum Abschluss noch ein gemeinsames Selfie auf dem Weg zum Bus und dann zuckle ich Richtung La Spezia. Der Bus ist angenehm leer, die Fahrt geht auch viel schneller wie am Tag.

Die Autorin serviert Muscheln
Stolz serviere ich den ersten Gang: Muscheln
Die Autorin mit den Tagliatelle
Der zweite Gang: Tagliatelle con Cannocchia
Der zweite Gang auf dem Tisch
Sieht doch absolut professionell aus, oder?
Der Teller mit Tagliatelle con Cannocchia
Tagliatelle con Cannocchia

Fazit: Einer der besten Tage meines Lebens

Hinter mir liegt einer der besten Tage meines Lebens. Ich habe so viel von Lucia gelernt. Ich fühle mich so unfassbar dankbar, dass ich die Chance hatte in einer Osteria zu kochen. Ich bin dankbar dafür, dass Lucia mich die einzelnen Schritte hat selbst machen lassen und mir dann das Vertrauen entgegen gebracht hat, in der Küche zu stehen. Irgendwann während des Kochens dämmerte es mir, dass die Portionen viel zu groß sind für zwei oder drei Personen. Ein paar Gäste am Abend konnten sich also freuen. Eine professionelle Kochschule in einer Hochglanzküche hätte mir ein solches Erlebnis niemals bieten können und so bin ich zu tiefst glücklich und dankbar, dass ich diese Gelegenheit hatte. Nicht über eine Website, sondern über die Ferienwohnungsverwalterin Deborah, der ich gesagt hatte, dass ich gern irgendwo einen Fischkochkurs besuchen würde und über Matthi, der dies über eine Bekannte möglich gemacht hat. Es hat sich gelohnt über den Schatten zu springen und mich auf den Tag einzulassen, auch wenn ich vorher keine Ahnung hatte, was mich erwartet und mich allein auf den Weg zu einer Bushaltestelle irgendwo an der ligurischen Küste gemacht habe.

Es gibt wirklich keinen besseren Weg um in die Kultur einzutauchen. Dieser Tag und die Menschen habe ich in mein Herz geschlossen, sie haben mich tief berührt und mein Leben bereichert.